Philosophy



"Sense, sure, you have, else you could not have motion"
Hamlet, Act III, Scene 4

Körper – Klang – Koppelung
Ein frühgeschichtliches ästhetisches Konzept
als Interface in die Zukunft gesellschaftlicher Wirklichkeit


von Werner Jauk für Mia Zabelka


Anthropologische Theorien erachten Musik als die kulturelle Überformung des Emotionslautes (Knepler) bzw. des Ausdrucksverhaltens (Blacking). Der Prozess Kultur sei die Ausbildung von Zeichensystemen und die Schaffung von künstlichen Wirklichkeiten über Zeichen (Cassirer). Unter diesen Prämissen ist Musik als Mediatisierungsphänomen zu verstehen: Musik ist die Instrumentarisierung – Mediatisierung emotionalen Ausdrucks dessen vor– para– sprachlicher Charakter intuitiv kommunikativ ist.

Die Instrumentarisierung des Ausdrucksverhaltens wird zur Spielbewegung zum Spiel eines Instruments. Die Flüchtigkeit des Klanges wird in der abbildenden Niederschrift der gestenhaften operational anweisenden "Spiel"–Bewegung zur Ausführung einer Melodie in den Neumen festgehalten. Dieser expressive Wink findet sich als Melodiekontur in der heute gängigen Notenschrift ebenso wie in grafischen Notationen, allgemein in sentics (Clynes). Es sind dies Codes, die – im Unterscheid zu sprachlichen Zeichen – die emotionale Qualität nicht zeichenhaft repräsentieren, nicht ikonisch nachzeichnen, sondern unmittelbar präsentieren (Langer), vergegenwärtigen: in Form gebrachtes feeling. Folgt dieses zeichenhafte Verständnis den Vorstellungen von entkörperlichter Kultur, so wird heute der wirkungspsychologische Aspekt, dass die Form wiederum feeling vergegenwärtige, dass Klang als instrumentarisierter emotionaler Ausdruck wiederum Gefühl bei RezipientInnen erzeuge, als Prozess der Stimulation betrachtet. Acoustic driving (Harrer) ist – bei gegebener Reagibilität der RezipientInnen und bei gegebener Intensität des Stimulus – die unmittelbare physiologische Erregung durch die dynamischen Elemente des Klanges, die ihrerseits wiederum als Ergebnis der Erregung eines Produzenten gedacht werden können "Musizieren ist das kommunikative Spiel mit Erregung" Musik sei die Objektivation dieses Spiels im Wir. (Adorno)

Nun entspricht dieses Denken einerseits einer Gesamtbetrachtung von Klang abseits seiner codierten Notation einzelner Parameter und andererseits der Überwindung von Kultur als durch entkörperlichte Codes Geschaffenes. Die musikalischen Avantgarden des 20. Jhdts. haben dieses Verständnis vorgearbeitet. Sie haben den Primat der Struktur in Klang zugunsten der Klangstruktur und dabei das Codesystem für Parameter des Klanges überwunden, sie haben sich auch auf die unmittelbare körperliche Produktion von Klang, auf gering mediatisierte Formen von Musik, rückbesonnen. Diese musizierenden Generierungs–Modelle, sind in die anderen Künste als unmittelbar performative eingegangen. Was V. Globokar in seinem Zyklus "Mein Körper ist eine Posaune geworden" andachte, was A. Rainer in seinen Body–Paintings als die direkte Gestaltung aus der körperlichen Erregung heraus, als intermediale Transposition, als Übertragung musizierendes Verhalten auf bildnerische Gestaltung, anwandte, hat J. Hendrix im körperregulierten Spiel des Feedbacks nicht nur realisiert, sondern popularisiert. Letztlich hat Pop das körperhafte Musizieren und die körperhafte Rezeption massenhaft verwirklicht.

Technische Entwicklungen, vor allem die entkörperlichte digitale Repräsentanz von Klang haben die idealistische Illusion der entkörperlichten Kunst vorerst genährt. Die Reihung von Codes zeigte recht bald, dass Algorithmen letztlich nach Internalisierungen von Erfahrungen unserer Körper mit unserer Umwelt funktionieren, dass wir letztlich mechanistisch denken (Levy). Digitale Kultur ist zunehmend nicht mehr vom Dualismus, sondern vom Zueinander der körperlichen Natur der Menschen und der entkörperlichten Kultur der codierten Welten charakterisiert; aus dem intuitiven Zugang in Welten aus Codes werden diese letztlich auch gestaltet. Solche immersiven Interfaces und die gestaltende Interaktion sind am Modell der Instrumentarisierung des emotionalen Ausdrucksverhaltens und dessen kommunikativer Wirkung orientiert, am (kollektiven) originären musizierenden Verhalten. Die Schaffung virtueller Welten aus dem spannungsgeregelten Spiel mit Codes entspricht dem Schenkerschen musikalischen Ursatz.

Was Baudrillard als Unnütz–Werden des Körpers erachtet ist eine Transgression des Körperlichen, vom mechanistischen zum hedonischen Körper.

Wenn auch mechanistische Imageries aus der Erfahrung körperlicher Interaktion mit einer materialen Umwelt in den Versuch der Gestaltung von Musik als immaterielle absolute Größe eingingen, so ist es doch jene Gestaltung nach Spannung und Lösung, nach hedonischen Prinzipien, die Musik im Unterschied zur abbildend analogen bildenden Kunstform, orientiert am mechanistischen Weltbild, und zur Sprache als willkürliches System von Zeichen, kennzeichnet. Diese Spezifität macht sie modellhaft für eine Theorie der Medienkünste. Diese Spezifität prädestiniert sie auch als populäre Kulturform. In der digital art, der Kunst des common digits, verbindet sich Medienkunst mit der populären Kunst. Der Alltag der digital culture ist ein musikalisierter und notwendig ein hedonischer: digital culture = popular culture. Im Verein mit diesen ästhetischen Veränderungen stehen politische.

Die kulturelle Entwicklung hinzu zur Körperlichkeit ist zugleich eine Bewegung gegen die körperfeindliche idealistische Welt der Künstlichkeit und gegen das sich mit diesem Verständnis von Kunstschön als Überwindung des Naturschönen definierenden/etablierenden Bürgertum, dem solche kunstvollen Tätigkeiten zur künstlichen hierarchischen Gesellschaftsstrukturierung dienten. Mit dem Grad der Beherrschung von Natur durch Künstlichkeit, mit dem Grad der Überwindung des natürlichen Körpers durch kunstvolles Werk aus Händen und der Konvertierung dieser kulturellen Bildung in ökonomisches Kapital gingen und gehen hierarchische soziale Ordnungen einher. Hingegen gingen Demokratisierung und Informalisierung (Browne) mit jener individuellen Befreiung einher, die hedonisch motiviertes Handeln auf "mille plateaux" als sich selbstorganisierendes politisches Strukturieren anerkennt.

Univ. Prof. Dr. Werner Jauk, Leiter des Instituts für Musikwissenschaft, Karl–Franzens–Universität Graz